Ich male nicht, weil eine Leinwand leer ist. Ich male, weil ich etwas entdeckt habe.
Christoph Wiener, geboren 1972, beschäftigt sich in seiner Malerei mit etwas, das ihn bereits seit seiner Kindheit begleitet: dem Entdecken von Bildern und Formen dort, wo sie zunächst gar nicht offensichtlich vorhanden sind.
Einen Teil seiner frühen Kindheit verbrachte er mit seinen Eltern im Irak. Reisen durch das Land, die intensive Farbigkeit, Formen und Ornamente des Orients hinterließen Eindrücke, deren Bedeutung ihm erst viel später bewusst wurde. Schon damals faszinierte ihn, in alltäglichen Dingen etwas anderes zu erkennen – ein Gesicht in einem Busch, eine Figur in einer zufälligen Struktur, ein Bild innerhalb eines Bildes.
Sein beruflicher Weg führte ihn zunächst nicht in die Kunst, sondern in die Gastronomie. Als gelernter Koch wurde das Gestalten dennoch zu einem festen Bestandteil seines Lebens. Zutaten, Geschmack und Komposition folgen anderen Regeln als Farbe und Leinwand – und doch verbindet Wiener beides mit einer ähnlichen Haltung: Nicht alles muss auf den ersten Blick gefällig sein. Entscheidend ist, ob etwas berührt, überrascht und im Gedächtnis bleibt.
Über viele Jahre beschäftigte er sich als Betrachter und Sammler intensiv mit moderner und zeitgenössischer Kunst, besuchte Museen und begann selbst Kunst zu sammeln. Besonders faszinierten ihn dabei Werke, die sich nicht sofort erschließen, sondern beim längeren Betrachten immer wieder neue Formen, Ebenen und Details preisgeben.
Der Anfang: eine Badewanne voller Hollandaise
Erst im Januar 2026 griff Christoph Wiener selbst ernsthaft zum Pinsel. Der Ausgangspunkt war weder eine Kunsthochschule noch ein langfristig geplanter künstlerischer Werdegang, sondern eine humorvolle Begebenheit aus seiner Restaurantküche.
Aus der Vorstellung, in Sauce Hollandaise zu baden, entstand sein erstes Werk: „Veronika der Spargel wächst“. Wiener begann intuitiv, eignete sich Techniken an, experimentierte mit Materialien und entdeckte dabei eine Form des Arbeitens, die ihn nicht mehr losließ.
Aus diesem ersten Bild entwickelte sich eine intensive Beschäftigung mit Farbe, Material, Oberfläche und Form.
Gefunden, nicht gesucht
Am Anfang eines Werkes steht bei Christoph Wiener selten die leere Leinwand. Er braucht einen Auslöser aus der realen Welt.
Das kann ein verwitterter Stromkasten in Berlin sein, überzogen von Graffiti, Plakatresten und den Spuren vieler Jahre. Es können selbst geformte Objekte aus Ton sein oder eine zufällige Anordnung alltäglicher Gegenstände, deren Formen plötzlich etwas anderes erkennen lassen.
Wiener nimmt solche Entdeckungen als Ausgangspunkt für seine Bilder. Während des Arbeitens löst er sich zunehmend vom ursprünglichen Gegenstand. Formen werden vereinfacht, gedreht, überlagert, verdeckt und wieder freigelegt. Ein Bild kann ruhen, gewendet und aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. Dabei entstehen Figuren, Strukturen und Zusammenhänge, die zu Beginn nicht geplant waren.
Formen auf Wanderschaft
Christoph Wiener legt sich nicht auf eine einzelne Technik fest. Fotografie, Zeichnung, Malerei, Linolschnitt und plastisches Arbeiten sind für ihn unterschiedliche Möglichkeiten, eine einmal entdeckte Form weiterzuentwickeln.
So entstehen beispielsweise kleine Skulpturen aus Ton, die fotografiert und neu arrangiert werden. Durch Perspektive, Licht oder das Zusammenlegen mehrerer Formen entstehen neue Strukturen. Diese können wiederum gezeichnet oder gemalt werden. Ein daraus entstandenes Bild kann anschließend fotografiert, auf Leinwand gedruckt und schließlich erneut mit Acrylfarbe überarbeitet werden.
Das ursprüngliche Motiv durchläuft dabei mehrere Verwandlungen. Jeder Arbeitsschritt fügt etwas hinzu, nimmt etwas weg oder lässt etwas sichtbar werden, das vorher noch nicht vorhanden war.
Eine besondere Rolle spielen auch selbst gefertigte Linolschnitte. Einzelne Motive und Zeichen können in unterschiedlichen Bildern wieder auftauchen. Dadurch entstehen Verbindungen zwischen Werken, die auf den ersten Blick sehr verschieden erscheinen.
Gerade dieses Zusammenspiel verschiedener Techniken interessiert Wiener. Malerei, Zeichnung, Druck, Fotografie und Material werden nicht voneinander getrennt, sondern können sich innerhalb eines Werkes überlagern und gegenseitig verändern.
Nicht ein festgelegter Stil oder eine einzelne Technik soll bestimmen, wie ein Werk auszusehen hat. Entscheidend ist die Idee – und die Frage, welchen Weg sie nehmen muss, um zu einem Bild zu werden.
Wenn ein Bild seinen Ort findet
Christoph Wiener malt nicht mit dem Anspruch, dass seine Arbeiten jedem gefallen müssen. Ein Bild darf irritieren, Fragen offenlassen und seine Details erst nach und nach preisgeben.
Am schönsten ist für ihn jedoch eine unmittelbare Reaktion: der Moment, in dem jemand ein Werk sieht und ohne lange Erklärung spürt, dass er mit diesem Bild leben möchte.
Diese Erfahrung machte Wiener mit einem seiner ersten großformatigen Werke. Eine Freundin sah das Bild und wusste innerhalb weniger Sekunden: Dieses Werk sollte bei ihr einziehen.
Nicht der Verkauf ist für Wiener dabei entscheidend. Es ist die Vorstellung, dass zwischen einem Menschen und einem Bild etwas entsteht, das sich kaum erklären lässt.
Vielleicht fällt ihm gerade deshalb das Loslassen seiner Arbeiten nicht immer leicht. Jedes Werk ist ein Unikat und mit seiner eigenen Entstehungsgeschichte verbunden.
Wenn eines davon schließlich seinen Ort findet, geht dort im besten Fall etwas von dem weiter, womit auch Wieners eigene Arbeit beginnt:
hinsehen, entdecken – und etwas darin finden, das vorher noch nicht da war.